Freilassung von Femen-Aktivistinnen: Oben ohne – und ohne Respekt

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28. Juni 2013

Leitartikel

Sehen so Heldinnen aus? Mit erhobenen Fäusten und trotzigem Blick zeigten sich die Deutsche Josephine M. von Femen und die zwei Französinnen nach einem Monat Haft in Tunesien. Ins Gefängnis mussten sie, weil sie mit nackten Brüsten vor dem Justizpalast in Tunis für die Freilassung einer tunesischen Mitstreiterin demonstriert hatten. Vor dem Berufungsgericht hatten sich die Frauen nun entschuldigt. Wohl auch deswegen hatten die Richter den Rest der viermonatigen Haftstrafe auf Bewährung ausgesetzt. Geläutert sahen die Drei nach der Freilassung aber nicht aus, ihren Busenprotest stellen sie offenbar kein bisschen in Frage. Schade, denn jetzt wäre gerade ein guter Zeitpunkt dafür.

Wissen Femen-Frauen noch, gegen wen oder was sie alles protestieren? Zumindest wir anderen wissen es nicht mehr ganz genau. Gegen Kinderarbeit oder Zwangsprostitution? Sexismus oder Homophobie? Gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, gegen Italiens Obermacho Silvio Berlusconi und/oder den Diktator Kim Jon-un? Spätestens seit Femen nach Frankreich und Deutschland expandiert ist, sind es ganz schön viele knackige Parolen, mit denen die Frauen durchs Bild rennen. Klar ist auch: Die meiste Aufmerksamkeit erreichen sie nicht wegen politisch korrekter Parolen, sondern weil sie hübsche Studentinnen sind, die ihre Busen zeigen und herumschreien. Die Anliegen gehen da leider unter.

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Viele dieser Anliegen sind nämlich berechtigt und der Einsatz dafür auch mutig. Bekannt wurde Femen, 2008 in der Ukraine gegründet, mit wütendem Protest gegen Sextourismus bei der Fußball-EM. Dagegen mit bloßen Brüsten zu demonstrieren – nach dem Motto: Das ist mein Körper – ist ja nachvollziehbar. Und dass eine Femen-Aktivistin bei Heidi Klums zweifelhafter Mädchenmodelshow mit dem Slogan "Heidi Horror Picture Show" auf ihrem Oberkörper auftrat, auch noch. Warum aber mussten sich andere Aktivistinnen ebenfalls barbusig dem russischen Kremlchef in Hannover in den Weg werfen? Wird sowas mit T-Shirt unpolitischer?

Klar, Protest braucht Öffentlichkeit. Dank Masse – siehe Türkei und Brasilien – oder dank außergewöhnlicher Aktionen – siehe Greenpeace, Pussy Riot oder Femen. Würden Letztere in zugeknöpften Blüschen auftreten, die Aufmerksamkeit wäre überschaubar. Doch je häufiger der BH fällt, desto gelangweilter und genervter reagieren die Beobachter.

Vor allem geht Femen oft zu weit. Nach dem Protest gegen Prostitution in Hamburg reagierten Feministinnen empört. Femen-Sprüche wie "Sexindustry is fascism" und der KZ-Toraufschrift "Arbeit macht frei" sind einfach nur furchtbar. In Tunesien verhielten sich die Frauen ebenfalls falsch. Auch wenn es schockiert, dass die Tunesierin Amina Sbouï verhaftet wurde, weil sie gegen eine Salafisten-Versammlung protestierte und auf eine Mauer nahe eines Friedhofs "Femen" schrieb: In einem muslimischen Land oben ohne zu protestieren und damit die Unterdrückung muslimischer Frauen zu kritisieren, ist wenig hilfreich. Nicht mal westlich orientierte Tunesier fanden das gut, und tunesische Feministinnen kritisierten die Aktion deutlich. Es ist so naiv, als europäische Studentin zu meinen, die einzige Wahrheit zu kennen.

"Fuck your morals" hat Josephine M. in Tunis gerufen. Respektvolle Kritik klingt anders. "Ich scheiß auf Eure Moralvorstellungen" ist nämlich immer noch eine moderate Übersetzung. Josephine M. sagt nun, sie habe nur aus Angst um ihre Gesundheit Reue gezeigt. Es ist verständlich, dass sie so schnell wie möglich aus dem Gefängnis wollte. Wer auf radikale Weise Anstand und Respekt einfordert, kann das aber ruhig auch schon mal vorleben. Ach, und noch ein Satz zum großen Erfolg des Protests: Die drei Europäerinnen sind frei, ihre tunesische Mitstreiterin sitzt weiter in Haft.

Autor: Martina Philipp

1 Kommentar

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Michael Kirschner

 

Michael Kirschner

Registriert seit: 15.11.2011

Kommentare: 413

28. Juni 2013 - 13:02 Uhr

Eigentlich hatte ich mir Partizipation anders vorgestellt. Was man jedoch nicht übersehen sollte, dieses Thema "Amina Sboui" wurde so noch einmal in Erinnerung gerufen. Traurig dabei ist, daß auch hier auf Mittel zurückgergriffen wird, die fragwürdig bleiben, auch wenn "sex sells" schon längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist.

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