Radikale Frauen schufen Aufmerksamkeit

Amerikanische Suffragetten in New York, 1915

AP

Sie ketteten sich an, traten in den Hungerstreik und warfen Steine. Vor 100 Jahren kämpften Suffragetten in Großbritannien für das Frauenwahlrecht. Ihre Radikalität erscheint überraschend aktuell.

Frauengeschichte
07.03.2014

Im Interview spricht die Autorin und Politikwissenschaftlerin Michaela Karl über die Auswirkungen ihres Kampfes, Parallelen zu heutigen Frauenbewegungen wie Femen und Pussy Riot und erklärt, warum Protest ein Luxusgut war.

dpa: Inwieweit hallt der Einsatz der Suffragetten vor 100 Jahren in Großbritannien heute nach?

Michaela Karl, geboren 1971, studierte in Berlin, München und Passau Politologie, Geschichte und Psychologie. 2001 promovierte sie an der FU Berlin. Karl setzte sich in ihrer Arbeit immer wieder mit dem Thema Frauenbewegung auseinander. 2009 erschien ihr Buch "Wir fordern die Hälfte der Welt!" über den Kampf der Suffragetten um das Frauenstimmrecht. Seit mehreren Jahren ist Karl Mitglied der Münchner Turmschreiber.

Michaela Karl: Die Suffragetten waren sie die erste autonome Frauenbewegung, die völlig unabhängig von Männern agiert hat. Natürlich wirkt diese Welle heute noch nach. Sie war Vorläufer der zweiten großen Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren. Die Suffragetten wollten nichts geschenkt bekommen und wollten sich alles erkämpfen. Auf die Forderung der Suffragetten nach Bürgerrechten konnten später neue Forderungen aufgebaut werden - etwa auf das Recht auf den eigenen Körper oder auf Selbstbestimmung. Und natürlich sind sie beispielhaft für Dinge die heute noch im Argen liegen.

Die da wären?

Da gibt es jede Menge: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, die Möglichkeit sich zu verwirklichen. Die Problematik der Doppelbelastung, das Thema Frauen in Führungspositionen oder natürlich die Gewalt gegen Frauen.

Die Suffragetten waren in ihrem Vorgehen sehr radikal. Sie ketteten sich an, störten öffentliche Versammlungen und schreckten nicht vor Gewalt zurück. Sehen sie Parallelen zu heutigen Frauenbewegungen wie Femen oder Pussy Riot?

Pussy Riot oder Femen stehen absolut in dieser Tradition, auch wenn sie sich nicht explizit darauf beziehen. Damals wie heute waren die Radikalen aber nicht das Gros der Frauenrechtlerinnen, sondern eher eine Ausnahmeerscheinung. Es sind aber die, die im Fokus stehen und Aufmerksamkeit erregen. Die Suffragetten haben das Thema Frauenstimmrecht erst auf die Titelseiten gebracht.

Die Suffragetten waren vor allem in Großbritannien und in den USA aktiv. Gab es denn keine ähnliche Welle, bspw. in Deutschland?

Es gab hier auch eine große bürgerliche Frauenbewegung - aufgespalten in einen gemäßigteren und einen radikaleren Teil. Führende Figuren waren Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann. Beide waren große Anhängerinnen der Suffragetten. Sie haben mit ihnen zusammengearbeitet und waren auch in London bei Demonstrationen dabei. Sie haben nicht ihre Radikalität und Gewalt übernommen - jedoch ihre Themen, wie die Bedeutung des Frauenwahlrechts.

Aus welchem Milieu stammten die Frauenrechtlerinnen. Konnten sich die Armen den Protest überhaupt leisten?

Die meisten Frauenbewegungen entstanden in der Mittel- und Oberschicht. Suffragette - das war ein Ganztagsjob, den musste man sich leisten können. Die Frauen konnten Gouvernanten oder Haushaltshilfen einstellen und waren in der Lage, sich den ganzen Tag für das Wahlrecht einzusetzen. Die mittellosen Frauen mussten - platt gesagt - schauen, dass sie was zu essen auf den Tisch bekamen.

Der Begriff Suffragette, der später auch abwertend für die Frauenrechtlerinnen verwendet worden war, ist heute relativ unbekannt. Wie kommt das?

Ja, es ein Schmähwort. Wenn man weiß, was dahinter steht, ist es aber ein Ehrentitel, eine Begriff für Frauen, die sich nicht gefallen haben lassen und mutig waren. Später wurde er durch die Emanze abgelöst. Bei dem Begriff ist es ähnlich: Er wird von vielen negativ verwendet, obwohl er das in keinster Weise ist.

Jenny Tobien, dpa

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