Was zählt, sind die Bilder

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07. Mai 2013

Alexandra Schewtschenko hat die ukrainische Frauenbewegung Femen nach Deutschland geholt / Kritik von Feministinnen.


  1. Die Femen-Aktivistin Alexandra Schewtschenko kann auch züchtig, aber barbusig erhält sie mehr Aufmerksamkeit – wie vor vier Wochen beim Protest gegen Russlands Premier Wladimir Putin. Foto: Dpa

BERLIN. Vielleicht wird Alexandra Schewtschenko ihren 25. Geburtstag nächste Woche in einem Gefängnis in Kiew verbringen. Das hängt davon ab, wie ihr Staat reagiert, wenn seine mittlerweile lästige Bürgerin an diesem Tag aus Berlin in die Ukraine fährt. Sie habe keine Wahl, sie müsse nach Hause, sagt sie. Denn ihr Visum läuft ab.

Harte Miene, durchgedrückte Schultern, distanzierter Blick. "Ich bin ein Soldat", sagt die junge Frau. "Wir sind im Krieg." Geführt wird dieser Krieg an diesem Vormittag auf Leinenkissen im "Princess Cheesecake", einem Café in Berlins schicker Mitte. Auf den Louis-Seize-Möbeln sitzen Frauen bei Kaffee und Petit Fours. In der Vitrine locken ein gutes Dutzend Torten. Sie will nichts. "Ich kann nicht über meine Mission reden und gleichzeitig essen." Die blonden Haare sind ballerinenhaft auf dem Hinterkopf zusammengezwirbelt, die Gläser der Pilotenbrille schimmern in einem Roséton.

Sascha, wie sie sich nennt, sagt, dass sie viel gelernt hat in den vergangenen sieben Jahren. So lange ist es her, dass die Studentin zum ersten Mal das Wort Feminismus gehört hat. Damals begann sie, 17 Jahre alt, gerade ihr Wirtschaftsstudium in ihrem Heimatort Chmelnitzki. "Meine Mutter schlug die Uni vor, weil ich dort einen guten Ehemann finden könne. Ich hielt das für eine ganz normale Idee."

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Hätte jemand Schewtschenko damals erzählt, dass sie ein paar Jahre später vor zig Kameras mit nackten Brüsten auf Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel losgehen würde, hätte sie vermutlich gefragt, wer das ist. "Ich war total unpolitisch, fast alle Frauen in der Ukraine sind unpolitisch." Nun aber hat sie genau diese Attacke angeführt, vor vier Wochen auf der Hannover-Messe. "Fuck Dictator", stand auf ihren Brüsten. Das ist das, was die junge Frau ihren Krieg nennt. "Unsere Brüste sind unsere Waffe." Vor ein paar Monaten ist sie ausgezogen, diesen Krieg auch in Deutschland zu führen.

Schewtschenko ist Mitbegründerin von Femen, der derzeit radikalsten feministischen Gruppierung Europas, die 2008 in der Ukraine entstand. "Wir wollten vermitteln, dass es andere Probleme gibt als die richtige Frisur und Gelnägel", sagt sie. Sie will, dass unpolitische Frauen Zugang zum Thema finden.

Und so wird vielleicht verständlich, warum die Aktivistinnengruppe Femen heute so auftritt, wie sie es tut. Bei ihren ersten Protesten trugen sie und ihre Mitstreiterinnen noch provokative Kleidung. "Aber das war ein Spiel mit der Sexualität und als Spiel funktionierte der Protest nicht. Wir merkten, dass das nicht als Kampf aufgefasst wird." Also entschieden sich die Frauen fürs Ausziehen: natürlich auch deshalb, weil ihnen die Aufmerksamkeit der Medien dadurch sicher ist. "Angezogen interessiert unsere Botschaft nicht." Die Männer sähen sie nach wie vor als Sexualobjekt.

Zum ersten Mal zog die Studentin in einem Wahllokal blank, als der ukrainische Ministerpräsident Viktor Janukowitsch dort seine Stimme abgab. Femen protestierte mit der Kampagne "Die Ukraine ist kein Bordell" gegen Frauenhandel und Prostitution zur Fußball-EM.

Seit ein paar Monaten schwappt der ukrainische Protest in andere Länder -– inzwischen auch nach Deutschland, obwohl die harsche Formulierung vom Krieg gegen eine patriarchalische Diktatur hierzulande reichlich seltsam klingt.

Was will Femen in Deutschland? "Wir wurden von deutschen Frauen angesprochen, die sich uns anschließen wollen", behauptet sie. Im Januar zog sie nach Berlin. Prompt tauchten im Februar erstmals barbusige Femen-Frauen bei der Berlinale auf. Inzwischen häufen sich die Aktionen. Aber auch die Kritik: Der Protest werfe immer nur ein Schlaglicht auf Missstände, er sei wenig kenntnisreich und nicht am Detail interessiert, monieren andere Feministinnen. Besonders eine Aktion gegen die Verschleierung von Frauen erntete Kritik. Kürzlich versammelten sich die Femen-Frauen vor einer Moschee – aus Solidarität mit der Tunesierin Amina Tyler, die barbusig für die Souveränität der Frau demonstriert und damit eine in ihrem Land heftige Debatte entfacht hatte. Femen suchte sich für ihren "Topless Jihad Day" in Berlin ausgerechnet die Wilmersdorfer Moschee aus, das Haus einer in vielen Staaten verfolgten religiösen Minderheit. "Egal", sagt Schewtschenko. "Wir sind antireligiös, und die Moschee ist ein Symbol." Was zählt, sind bei Femen stets die Bilder.

Autor: Katja Bauer

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Via: badische-zeitung.de


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