Die Oben-Ohne-Revolte

Die Frauen der ukrainischen Protestgruppe Femen entblößen ihre bemalten Brüste. Das ist nicht pornografisch, sondern politisch wirkungsvoll, sagt Leserin J. C. Pohler.

Anna Hutsol ist ein Jahr jünger als ich. Ihr Gesicht ist bekannter als meins, ihre Brüste sind es auch. Sie ist die Gründerin und Leiterin der feministischen Agitprop-Gruppe Femen in der Ukraine. Bilder von ihr, die sie mit nackten Brüsten auf Protesten zeigen, gingen um die Welt.

Die überdurchschnittlich gut aussehenden Frauen der Femen-Bewegung nutzen ihre Körper als politisches Instrument, als ihre eigene politische Sprache. Ihr Logo besteht aus zwei Kreisen in den Farben der ukrainischen Nationalflagge, blau und gelb. Diese Farben malen sie während ihrer Aktionen auf ihre Busen, teilweise erstellen sie auch Busen-Abdrücke auf Papier. So verbinden sie das Politische mit dem Persönlichen und Intimen. Dafür nehmen sie Verhaftungen, Anfeindungen und Sanktionen in Kauf.

Die Grenzen zwischen Kunst und Agitation sind bei den Aktionen der Femen fließend. Sie ähneln den Werken des französischen Künstlers Yves Klein, der in auschweifenden Happenings Abdrücke von nackten Frauenkörpern in seinem eigens patentierten Farbton International Klein Blue anfertigte. Diesen Werken haftet der Vorwurf des Sexismus an, da die Frauen scheinbar fremdbestimmt handeln.

Auch der Femen-Gruppe wird der Vorwurf gemacht, sie knüpfe an eine pornographische Bildsprache an wolle allein der Aufmerksamkeit wegen provozieren. Ihrem Protest fehle jede politische Botschaft gegen Sexismus und Gewalt an Frauen. Er sei letztlich eine hohle Geste ohne Sinn und Verstand. Anders als die Darstellerinnen in Kleins Aktionen wirken die Frauen der Femen-Gruppe aber nicht fremdbestimmt. In ihren Inszenierungen treten sie stattdessen selbstbestimmt und autonom auf.

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Die Femen glauben an die Macht ihrer Bilder. Auf einem Blog habe ich folgendes Foto entdeckt: Ein Femen-Mitglied mit Kopftuch und auffälligem Ohr- und Halsschmuck, wird von einem Polizisten abtransportiert. Ihr Mund ist weit aufgerissen. Der uniformierte, männliche Körper beraubt diese junge, halbnackte und verletzliche Frau ihrer Freiheit. Im Hintergrund stehen zahlreiche Fotografen, die diesen Moment festhalten. In diesem Bild sanktioniert die männliche Geste weibliches Verhalten, der männliche Blick dokumentiert es. Würde eine Polizistin diese Frau festnehmen, wäre es ein anderes Bild, eine andere Botschaft.

Ich bin mir sicher: Die Bilder von Femen wirken, gerade in den Seelen vieler junger Frauen in der Ukraine, in Europa, vielleicht sogar in der ganzen Welt.

  • Unsere Brüste sind unsere Waffen: Femen-Aktivistinnen bei einer Protestaktion in Paris
  • Demonstrantinnen der Femen Bewegung in Kiew

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  1. dann geh ich auch noch einmal zur Demo!

  2. mich?

    • malera
    • 11.05.2012 um
      12:25 Uhr

    Was interessieren bitte die nackten Brüste einer Frau?

    Sonst wird die potentielle Wirkung von Kleidung, Brüsten, Nacktheit von Frauen, wenn es um die Eigenverantwortung über die Wirkung geht, bis aufs entschiedenste verleugnet und die bloße Erwähnung als eine Verantwortungsverscheibung und patriarchale Schuldzuweiseung angeprangert. Mit dieser Argumentation fühlen sich Frauen öffentlich-gerechtfertigt.

    Und hier soll nun politische Wirkung durch Nacktheit erzielt werden?

    Vielleicht sollten Frauen Ihr Ausssehen und die Wirkung dann doch nicht so überstrapazieren oder überschätzen.
    Nur weil man Schönes gerne ansieht, muss man ihrer Wirkung nicht gleich verfallen.

    Interessant ist nur wieder, wie ungleich die Gerechtfertigungen verteilt sind - ich halte dieses plumpe, feminin-sexistisches Gehabe für dumm.

    Aber anscheinend findet es so manche Frauen gut und gerechtfertigt, dass versucht wird, Macht mit sexualisierter Wirkung auszuüben.
    Soweit das intellektuelle Niveau zu Nacktheit reicht, so weit reicht auch die Frage nach gesellscahftlicher Eigenverantwortung.

    Ich habe überhaupt kein Problem, wenn so ein schöner - aber entstellter - nackter weiblicher Körper, eine nackte schöne Frau verhaftet wird.
    Und es ist auch kein Widerspruch, dass eine Widerstand leistende nackte Frau von einem zufällig männlichen Beamten in Ausübung der Staatsgewalt festgenommen wird.

    Schönheit und Nacktheit stellt niemanden über das Gesetz.
    Auf diese Nacktheit braucht man keine Rücksicht nehmen.

  3. dass weibliche Nacktheit hierzulande kein Straftatbestand darstellt – ein nackter Mann in der deutschen Öffentlichkeit hingegen macht sich strafbar. Warum?
    Würde eine Polizistin einen nackten Mann festnehmen, wäre es was für eine Botschaft?

  4. Die Gefahr eines solchen Protests besteht darin, dass die Form des Protests den Inhalt überdeckt.

    Und das erstaunliche ist, dass die Autorin selbst in diese Falle zu tappt.
    Sie beschreibt heroische Bilder von Frauen, die sich für ihre Überzeugung sogar festnehmen lassen. Worin diese Überzeugung aber besteht, erwähnt sie nicht.

    Im Anschluss an "als ihre eigene politische Sprache." hätte ich erwartet zu lesen, was sie denn in dieser Sprache sagen wollen ... und lande bei blau und gelb bemalten Brüsten, also nur einer Beschreibung der Sprache.

    Die Vorwürfe gegen sie: "Ihrem Protest fehle jede politische Botschaft gegen Sexismus und Gewalt an Frauen. Er sei letztlich eine hohle Geste ohne Sinn und Verstand." werden dargelegt.
    Ihre eigenen Inhalte werden aber nicht dagegen gesetzt. Denn im Folgenden heisst es nur, sie handelten selbstbestimmt.

    Da war ich gespannt, woraus sich denn ihr selbstbestimmtes Handeln speist und lese:
    "Die Femen glauben an die Macht ihrer Bilder."
    Damit bin ich also wieder an den Ausgangspunkt verwiesen:
    Frauen produzieren schöne Bilder.

    So bleibt nur zu sagen: Protest mag zwar heroisch wirken, bis hin zu einem Punkt, wo man anfängt, sich selbst mit den Protestlern zu vergleichen.

    Nicht protestieren zu müssen ist aber in jedem Fall vorzuziehen.

    • xpeten
    • 11.05.2012 um
      15:12 Uhr

    Kommt ganz auf das Gesetz an, oder auf dessen Auslegung. Widerstand gegen Unterdrückung, Willkür und Staatsterror ist Bürgerpflicht und legitim.

    • malera
    • 11.05.2012 um
      19:55 Uhr

    Wenn gegen ein Gesetz aus moralischer Überzeugung vorgegangen werden muss, dann ist die moralische Überzeugung die Rechtfertigung - und nicht der willkürliche Verweis auf den eigenen bloßen nackten Körper.

    Willkür ist es, zu glauben, dass der alleinige -nackte- Verweis auf sich selbst, ausreiche, um irgendetwas zu rechtfertigen.

    Deshalb ist der Umweg über allgemein(!) gehaltene Gesetze eine rechtsstaatliche und kulturelle Leistung. Das ist eine so grundsätzlich Tatsache, die zu erwähnen man sich schon blöd vorkommt.

    Aber diese Notwendigkeit - ich-bezogene Willkür durch allgemeines Gesetz zu bekämpfen, und nicht Willkür durch Willkür, oder noch schlimmer schlechte allgemeine Gesetze durch bloße/nackte Ichbezogenheit - diese Notwendigkeit scheinen manche Frauen einfach nicht verstehen zu wollen. Warum auch, solange man sich gemeinsam als Nutznießer oder Opfer identifiziert.

    Eine hohe kulturelle, rechtsstaatliche, gerechtigkeitsträumende Leistung ist Nacktheit nicht, sondern genau das Fehlen von all dem: Es ist die Erwartung, dass der andere, die Allgemeinheit, geblendet und übertölpelt durch schnöde, vergängliche, individuelle 'Schönheits'wirkung, etwas tun soll - für das Bild (und natürlich die Bildträgerinnen) und nicht für die Gerechtigkeit, oder das Allgemeinwohl. (Das zu 'bekämpfende' wird ja nur benutzt.)

    'Kommt, lasset und das Bild (samt Träger) anbeten.'

    Als ob wir nicht vor 'kurzem' erst schlechte Erfahrungen mit dem Rückfall in heidnischen Bildern gehabt haben.

    • malera
    • 11.05.2012 um
      19:55 Uhr

    Wenn gegen ein Gesetz aus moralischer Überzeugung vorgegangen werden muss, dann ist die moralische Überzeugung die Rechtfertigung - und nicht der willkürliche Verweis auf den eigenen bloßen nackten Körper.

    Willkür ist es, zu glauben, dass der alleinige -nackte- Verweis auf sich selbst, ausreiche, um irgendetwas zu rechtfertigen.

    Deshalb ist der Umweg über allgemein(!) gehaltene Gesetze eine rechtsstaatliche und kulturelle Leistung. Das ist eine so grundsätzlich Tatsache, die zu erwähnen man sich schon blöd vorkommt.

    Aber diese Notwendigkeit - ich-bezogene Willkür durch allgemeines Gesetz zu bekämpfen, und nicht Willkür durch Willkür, oder noch schlimmer schlechte allgemeine Gesetze durch bloße/nackte Ichbezogenheit - diese Notwendigkeit scheinen manche Frauen einfach nicht verstehen zu wollen. Warum auch, solange man sich gemeinsam als Nutznießer oder Opfer identifiziert.

    Eine hohe kulturelle, rechtsstaatliche, gerechtigkeitsträumende Leistung ist Nacktheit nicht, sondern genau das Fehlen von all dem: Es ist die Erwartung, dass der andere, die Allgemeinheit, geblendet und übertölpelt durch schnöde, vergängliche, individuelle 'Schönheits'wirkung, etwas tun soll - für das Bild (und natürlich die Bildträgerinnen) und nicht für die Gerechtigkeit, oder das Allgemeinwohl. (Das zu 'bekämpfende' wird ja nur benutzt.)

    'Kommt, lasset und das Bild (samt Träger) anbeten.'

    Als ob wir nicht vor 'kurzem' erst schlechte Erfahrungen mit dem Rückfall in heidnischen Bildern gehabt haben.

  5. Die Damen aus der Ukraine werden es schwer haben sich durchzusetzen. Mit Plakaten in deutscher Sprache. Oder hat das Bild mit dem Artikel nichts zu tun?
    Wohl nur Anmache. Sex sells!

  6. auch bei einer Frau in der Öffentlich gegebenenfalls als Erregung öffentlichen Ärgernisses gewertet. Und oben ohne darf ein Mann ja auch rumlaufen.

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Via: zeit.de


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The mission of the "FEMEN" movement is to create the most favourable conditions for the young women to join up into a social group with the general idea of the mutual support and social responsibility, helping to reveal the talents of each member of the movement.

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