Heute in den Feuilletons: Das Selbstmitleid der Geschluckten


Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2012

Die Osteuropa-Historikerin Monica Rüthers betont, dass Pussy Riot oder die ukrainische Gruppe Femen nicht nur gegen das System Putin revoltieren, sondern auch gegen das überkommene Frauenbild: "'Sowjetfrauen' hatten als alters- und geschlechtslose, aber autoritäre Geschöpfe in unförmigen Mänteln mit flauschigen Strickmützen gegolten. Sie wurden 'Tanten' genannt. Hinter dem Eisernen Vorhang stöckelte nun die hyperfeminine 'neue Russin' hervor. Bald eroberten sibirische Models die Laufstege der Welt. Die Katalogbraut aus dem Osten war gestern: Mit Pussy Riot und Femen betreten Politaktivistinnen die Bühne."

Weiteres: Joachim Güntner fragt sich angesichts einer neuen Daueraustellung in Weimar, ob man wirklich Goethes Gegenwartsrelevanz (lebenslanges Lernen!) betonen muss. Ueli Bernays schickt Impressionen vom Jazzfest Willisau.

Besprochen werden Martha Nussbaums bisher nur auf Englisch erschienene Schrift "The New Religious Intolerance" und David Albaharis Roman "Der Bruder" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).


Weitere Medien, 28.08.2012

Am kommenden 1. September, dem Jahrestag des Kriegsbeginns, wird der Toten des Zweiten Weltkriegs gedacht. Nur bei einer Gruppe ist das Gedenken bis heute recht verklemmt, schreibt Götz Aly: bei den ermordeten Behinderten. "Anders als die Öffentlichkeit gedenken sehr wenige deutsche Familien ihrer Verwandten, die seinerzeit als 'Erbkranke' oder 'nutzlose Esser' ermordet wurden. Bei Veranstaltungen, in Büchern und auf Denkmälern werden deren Namen verschwiegen, mit verklemmter Diskretion ist von Henry K. und Louise S. die Rede. Aber warum?"

Nicolas Sarkozys "großes Projekt", ein "Haus der Geschichte Frankreichs" ist von seiner Nachfolgeregierung offiziell beerdigt worden, berichtet Florence Evin in Le Monde: Francois Hollandes Kulturministerin Aurélie Filippetti bezeichnete es als ein "ideologisch angreifbares Projekt" und annoncierte statt dessen eine Vernetzung der französischen Geschichtsmuseen per Internet. "Das Projekt des Präsidenten sah eine 'Galerie der Epochen' vor, die bei Historikern extrem umstritten war, weil sie darin eine politische Vereinnahmung der Geschichte und ihrer Erzählweisen sahen."

Wer ist Advent?, fragt buchreport in einer Zusammenfassung mehrerer Meldungen über einen Verkauf der Thalia-Buchhandelskette durch den Einzelhandelskonzern Douglas. Nun, Advent ist ein amerikanisches Unternehmen, das Beteiligungen kauft und wieder verkauft: "Sollten die Amerikaner den Zuschlag erhalten, zu welchem Preis auch immer, werden die Perspektiven von Thalia, dem Sorgenkind bei Douglas, mit Sicherheit neu ausgelotet. Sollte Advent einen Verkauf favorisieren, bleibt die Frage, ob es Interessenten auf dem Markt gibt - bei Weltbild war ein Verkauf ebenfalls daran gescheitert."


Die Welt, 28.08.2012

Wenn diese Woche "Goldrausch", ein Dokumentarfilm über die Treuhand, ins Kino kommt, dann wird das Publikum nicht die Fassung des Regisseurs Dirk Laabs sehen, sondern die des Produzenten Thomas Kufus, der den fertigen Film hat umschneiden lassen, berichtet Hanns Georg Rodek: Statt des Ostdeutschen Detlef Scheunert steht jetzt der Westdeutsche Klaus Klamroth im Mittelpunkt des Films, wo er das das gängige Feindbild abgibt. Schade, findet Rodek: "Auch Laabs ist kritisch an das Kapitel 'Treuhand' heran gegangen, und man kann nach seinem Film kaum mehr von einem 'Beitritt' der DDR zur Bundesrepublik reden, sondern muss ihn als 'feindliche Übernahme' erkennen - aber Laabs' Protagonist Scheunert steht für eine äußerst differenzierte Betrachtungsweise, die nicht einfach das Selbstmitleid der Geschluckten bedient."

Janusz Reiter, ab 1981 Mitglied der antikommunistischen Opposition Polens und nach der Wende Botschafter Polens in Deutschland, hielt in Berlin die Gedenkrede zum 68. Jahrestags des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Es sei "der schwierigste Redeauftrag, den ich je angenommen habe", bekennt er und erklärt warum: "Verdienen antisemitische Judenretter, und solche gab es im besetzten Europa, unseren Respekt? Ja. In Zeiten der totalitären, diktatorischen Herrschaft entsprechen menschliche Lebensläufe nur selten dem Schönheitsideal von gotischen Kathedralen. Jeder, der in einer Diktatur gelebt hat, weiß das."

Besprochen werden Arnold Retzers
Streitschrift gegen positives Denken "Miese Stimmung" und die Davide Livermoores "zündende" Inszenierung von Rossinis Oper "Ciro in Babilonia" beim Rossini-Festival in Pesaro.


Die Tageszeitung, 28.08.2012

Julia Grosse trauert um den Brixton Market, der vom total unhippen Mikrokosmos zum Paradies von Guardian-Lesern, Junggastronomen und anderen arrivierten Liberalen verkommen sei. Rudolf Walther berichtet von einem Vortrag des japanischen Philosophen Kenichi Mishima in Frankfurt.

Besprochen werden das Projekt "Pfade durch Utopia" der Kultufabrik Kampnagel, Jan Distelmeyers Untersuchung zur DVD "Das flexible Kino" sowie die Anthologie "Deutscher Gangsta-Rap" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.08.2012

Eleonore Büning hat miterlebt, wie der junge Pianist Igor Levit beim Weimarer Kunstfest Beethovens letzte Klaviersonate opus 111 spielte. Beim ersten Satz gab's noch einen Unfall, beim zweiten musste sich "das Wunder der Aria" ereignen. Und das tat es dann auch: "Keine Geheimnistuerei, kein Geraune. Einfach nur so ein Lied. Landet im Zeitraffer und verdichtet sich von Variation zu Variation, ohne dabei den Kinderblick zu verlieren oder aufzuschrecken aus dieser altersweisen Schildkrötenruhe." Ergebnis: "Der Pianist klatschnass, wir alle in Tränen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb hat die große Ausstellung über den Kaiser Otto I. in Magdeburg besucht und erfuhr eine Menge Interessantes über die Geschichte des Kaisertums zwischen Augustus und dem Mittelalter. Die Leitglosse wird zum Goethe-Geburtstag mit Worten des Meisters bestritten. Gemeldet wird, dass der Zentralrat der Juden gegen den Adorno-Preis für Judith Butler plädiert, die stets nur die finstersten Israel-Boykott-Bewegungen unterstützt. Kai Spanke besuchte das Poetenfest in Erlangen. Stefan Koldehoff fragt, ob ein ungewöhnliches, in Köln gezeigtes Stillleben von Vincent van Gogh sei. Paul Ingendaay erzählt die Geschichte des von einer spanischen Rentnerin verschlimmbesserten Jesusgemäldes aus dem 19. Jahrhundert, die seit Tagen durchs Internet geistert.

Besprochen werden Choreografien von Anne Teresa de Keersmaeker bei der Ruhrtriennale und Bücher, darunter Daniel Arasses Untersuchungen über den Teufel in der Ranaissance-Malerei (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).


Weitere Medien, 28.08.2012

Joseph von Westphalen mag Anna Netrebko. Aber warum nur, warum, spricht sie sich für Wladimir Putin aus?, fragt er in seiner Abendzeitungskolumne: "Die Netrebko wird als Russin ihre taktischen Gründe haben, dem blassen Finsterling ihre Stimme zu leihen, ein Jammer ist es schon. Wie viel schwebender und jubelnder würden ihre Arien klingen, wenn sie sich für Pussy Riot eingesetzt hätte. Die drei wegen Blasphemie verurteilten Frauen sind doch, wenn auch Punks, ihre Gesangskolleginnen."


Süddeutsche Zeitung, 28.08.2012

Felix Stephan unterhält sich mit dem kasachischen Theaterregisseur und Aktivisten Bolat Atabajev, der heute in Weimar mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird und gerade zwanzig Tage im Gefängnis saß, weil er streikende Ölarbeiter im Westen Kasachstans besuchte: "Im Dezember 2011 ist die Gewalt eskaliert: Die Polizei fing an, wahllos in die Menge zu schießen, es gab Tote und Verletzte. Ich habe zu den Arbeitern gesprochen und sie unterstützt, denn ich möchte auch, dass sich die Verhältnisse in unserem Land ändern. Die gesamten Öl-Einnahmen fließen derzeit in die Taschen von vielleicht dreißig Beamten, die schalten und walten, wie sie wollen, während die etwa 30.000 Öl-Arbeiter kaum über die Runden kommen."

Dem Harvard-Professor Jeffrey F. Hamburger sträuben sich die Haare, wenn er sich die Absichtserklärungen für die Museumsrochade in Berlin ansieht. Den Verweis auf Harvard, wo man seine Kunstsammlungen ebenfalls jahrelang weggesperrt hatte, um sie dann in einem Neubau zentralisiert auszustellen, lässt er nicht gelten: Dort wurde der Umzug erst umgesetzt, als die Finanzierung gesichert und der Ablauf genau geplant war. "Im Fall der Gemäldegalerie gibt es keinen Haushaltsplan, keine verfügbaren Gelder. Insbesondere in Zeiten der Finanzkrise mag man sich daher sorgen, dass Finanzierungslücken oder -verweigerungen dazu führen, dass die weggeschlossenen Kunstwerke lange Zeit nicht wieder auftauchen könnten."

Weitere Artikel: Johan Schloemann meldet methodische Zweifel an der kürzlich veröffentlichten Studie an, die den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen in Anatolien verortet. Tim Neshitov stellt die von weißrussischen Oppositionellen gegründete Website Palitviazni vor, die Gegenöffentlichkeit für politische Gefangene herstellt. Wolfgang Schreiber annonciert das Kunstfest "Pèlerinage" in Weimar. Gottfried Knapp mahnt genervt zu besseren Rotwein-Trinkgepflogenheiten (Merke: am Stiel anfassen!).

In einem Kommentar auf der Seite 2 der SZ beklagt der türkische AKP-Politiker Egemen Bagis das Kölner Beschneidungsurteil und fordert: "Bei der Religionsfreiheit darf es allerdings keine durch Gerichte vorgegebenen Beschränkungen und Kompromisse geben."

Besprochen werden die neue Dauerausstellung im Goethe-Nationalmuseum in Weimar (die Jens Bisky zufolge "mit einer Fülle von auratischen Objekten, mit zauberhaften Kunstwerken und Gegenständen aus Goethes Sammlung ein Leben, das wie kein anderes die Spannungen der 'Sattelzeit', der Heraufkunft unserer Welt, verdeutlicht"), Robag Wruhmes neuer Techno-Mix "Olgamikks" (hier eine Hörprobe), die Aufführung von Karlheinz Stockhausens "Mittwoch aus Licht" an der Oper in Birmingham (die "einen Eintrag in die Annalen der modernen Musik" verdient hat, meint Michael Struck-Schloen), eine Ausstellung über "Zeitgenössische Glasmalerei in Deutschland" im Centre International du Vitrail in Chartres, Giovanni Andrea Bontempis Oper "Il Paride" beim Festival für Alte Musik in Innsbruck und Bücher, darunter eine Sammlung der von Albrecht Fabri verfassten Klappentexte, an denen Lothar Müller seine helle Freude hat.

Via: spiegel.de

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